Agile Entwicklung aus Sicht der Auftraggeber

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Enger Kontakt zum Kunden und durch regelmäßiges Feedback schneller und flexibler auf Kundenanforderungen eingehen zu können, sind das Wesen von Agilität und gleichzeitig Vorteil und Herausforderung – nicht nur für das entwickelnde Unternehmen, sondern auch für die Auftraggeber. Was Auftraggeber konkret erwartet und wie Leistungserbringungen vertraglich geregelt werden können, erfahren Sie in diesem Blogbeitrag.

Agile Entwicklung verschafft Auftraggebern zahlreiche Vorteile: So werden schrittweise (inkrementell) erarbeitete Funktionalitäten bereits früh im Projektfortschritt lauffähig (deployable). Die sich wiederholende (iterative) Vorgehensweise ermöglicht zeitnahe Anpassungen und eine flexible, vorausschauende Produktplanung. Auftraggeber können dadurch deutlich früher und besser einschätzen, welchen Wert das Produkt Anwendenden bietet und wie dieser Wert kommuniziert wird. Dies eröffnet die Möglichkeit, im laufenden Projekt begründet darüber entscheiden zu können, ob und im welchem Umfang zusätzliche Funktionalitäten eingeführt werden sollen. Folge ist eine transparente und prinzipiell ressourcenschonende Zeit- und Kostenplanung aus Sicht des Auftraggebers.

In agil organisierten Projekten sind Auftraggeber meist stärker und kontinuierlich eingebunden. Dieser Aufwand muss berücksichtigt werden, wird sich aber als lohnende Investition erweisen. Je früher Erweiterungen, Anpassungen und neue Ideen eingebracht werden, desto unaufwändiger wird ihre Berücksichtigung. Auch die jeweilige agile Methode bestimmt, wie intensiv die Zusammenarbeit mit Kunden gestaltet ist: Während in SCRUM die als User Stories formulierten Anforderungen vor allem durch die Rolle des Product Owner vertreten werden und Auftraggeber in der Regel keinen Kontakt mit Entwicklern haben, beinhaltet Extreme Programming (XP) eine sehr enge Zusammenarbeit zwischen Auftraggeber und Entwicklerteam bis hin zur gemeinsamen Programmierarbeit.

Zur agilen Arbeitsweise sind unterschiedliche Softwarevertragsmodelle denkbar. Brenner und Feiler (2018) unterscheiden hier drei Ansätze:

  1. Mit dem einfachen Dienstvertrag wird für einen bestimmten zeitlichen Umfang in Form von Leistungstagen ein bestimmter Fixpreis vereinbart. Für Auftraggeber ist dies ein äußerst riskantes Modell, da nicht das inhaltliche Ergebnis geregelt wird und kein vorzeitiger Ausstieg möglich ist.
     
  2. Im Zwei-Phasen-Modell dient eine erste Phase dazu, den Aufgabenumfang und mögliche User Stories zu formulieren. Die erste Phase wird für den Auftraggeber planbar als Dienstvertrag mit Fixpreis abgerechnet, was auch das gegenseitige Vertrauen stärken soll. Die anschließende Implementierung erfolgt als Werkvertrag mit einem Fixpreis für die hinsichtlich Zeit und Umfang ebenfalls fest definierten Sprints. Im Gegensatz zum Dienstvertrag verpflichtet der Werkvertrag zur erfolgreichen Realisierung lauffähiger Software und beinhaltet somit einen Gewährleistungsanspruch.
     
  3. Im Multi-Phasen-Modell erfolgt die Projektplanung zunächst ebenfalls als Dienstvertrag mit Fixpreis. Anschließend werden die einzelnen Sprints jeweils als Werkvertrag mit Fixpreis für einen bestimmten Aufwand geregelt. Die konkreten Bedingungen für die einzelnen Werkverträge werden in einem Rahmenvertrag festgehalten. Das Multi-Phasen-Modell schafft für Auftraggeber die Möglichkeit, nach einer unbestimmten Anzahl an Sprints aus dem Projekt auszusteigen oder es durch Ergänzung zusätzlicher Funktionalitäten entsprechend auszudehnen.

Agil arbeitende Unternehmen sollten für Auftraggeber eine hohe Attraktivität haben. Man muss sich allerdings bewusst sein, häufiger und intensiver in den Projektverlauf eingebunden zu werden mit der Chance und der Pflicht, den Projekterfolg früh mitzubestimmen. Außerdem müssen vertragliche Regelungen der Flexibilität von Agilität Rechnung tragen. Vertrauensbildung und eine Kombination aus Dienst- und Werkverträgen mit Fixpreisen und Kostendeckelungen sollten hierzu zweckmäßig berücksichtigt werden.


17.11.18

Personen


 

Dr. Michael Minge