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Auf der Konferenz Mensch und Computer fand am 8. September 2019 ein weiterer Workshop der Reihe UUX-Praxis mit dem Titel „Vom ersten Schritt bis zum Dauerlauf. Wie bringt man Usability und User Experience (UUX) ins Unternehmen?“ statt. Die sehr große Zahl an Teilnehmenden im Workshop zeigte ein hohes Interesse an diesem Thema.

Mit diesem Workshop zur erfolgreichen und nachhaltigen Einführung von Usability und User Experience in Unternehmen wurde mit dem sechsten Workshop die seit 2013 auf der Mensch und Computer laufende Workshop-Reihe UUX-Praxis fortgesetzt. Der Ursprung der UUX-Praxis-Reihe liegt in der 2018 ausgelaufenen Forschungsinitiative „Einfach intuitiv – Usability für den Mittelstand“, in der vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) insgesamt 17 Forschungsprojekte gefördert wurden.
Das durch den Titel „Vom ersten Schritt bis zum Dauerlauf. Wie bringt man Usability und User Experience (UUX) ins Unternehmen?“ gesetzte Thema fand sehr großes Interesse. Mit 48 Teilnehmenden, die vor allem als UUX-Experten in Unternehmen arbeiten, war der Workshop mehr als ausgebucht.
Ziel war es, gemeinsam mit den Teilnehmenden Herausforderungen zu sammeln und darauf aufbauend Lösungen, Best Practices sowie Innovations- und Forschungsbedarfe zu erarbeiten.
Vor Beginn des Workshops wurden in einer Vorbefragung Herausforderungen der Teilnehmer des Workshops gesammelt. Ergänzt wurde diese Sammlung während der Vorstellungsrunde, bei denen alle Teilnehmenden ihre Fragen an den Workshop und mögliche weitere Probleme benennen konnten.
Weitere Komplettierung der Herausforderungen und erste Lösungsideen erbrachten drei Impulsvorträge zu Beginn des Workshops. Tim Rietz von der Senacor Technologies AG stellte mit seinem Vortrag „UX-orientierte digitale Transformation – Erfahrungen aus der Beratungsbranche“ Herausforderungen und Lösungsansätze aus Praxis-Projekten vor. Dabei berichtete er von zwei exemplarischen Projekten, die sich primär mit UUX-Problemen beschäftigten, und ging auf die Anwendung verschiedener UUX-Methoden in der Beratungspraxis ein. Obwohl allseits bekannt, war es spannend zu sehen, wie es zur Auswahl dieser Methoden kam, auf welche Probleme man im Projekt stieß und welche Ergebnisse und Reaktionen daraus resultierten. Spannend war die Schlussfolgerung, dass eine gewisse Flexibilität bei der Anwendung von Methoden in der Praxis notwendig ist, um im dynamischen Projekt- und beruflichen Arbeitsalltag zu bestehen. Dr. Michael Minge von der TU Berlin und UUX-Experte des Mittelstand 4.0 Kompetenzzentrums Usability wählte zur Darstellung von Herausforderungen einen ungewöhnlichen Ansatz. In seinem Vortrag „Wie Usability & UX garantiert nicht ins Unternehmen kommen. Was verhindert menschzentrierte Gestaltung?“ stellte er die Frage nach Einführung und Etablierung von UUX in Unternehmen auf den Kopf. Diese Herangehensweise verdeutlichte umso mehr die Komplexität der Einführung und Durchführung von Usability und User Experience in Unternehmen. Abschließend wurden die Verhinderungsstrategien wiederum als positive „Goldene Regeln“ dargestellt:

10 Goldene Regeln zur Einführung und Etablierung von UUX im Unternehmen:

  1. Sorge für eine uneingeschränkte Unterstützung durch Geschäftsführung.
  2. Nutze es, dass UX-Design vielfältig ist und Kompetenzen weit streuen.
  3. Dokumentiere Ergebnisse handlungs- und entscheidungsorientiert.
  4. Sorge für gute Abwägung zwischen Validität und Effizienz von Methoden.
  5. Binde UX-Design von Beginn und kontinuierlich ein.
  6. Nutze einen großen Vorteil von UX-Design (und Agilität): „Failing Fast“.
  7. Finde einen eigenen Weg für das Unternehmen, um UUX zu etablieren.
  8. Sieh ein festes UUX-Budget als notwendig, aber nicht hinreichend.
  9. Kommuniziere offen, transparent und wertschätzend.
  10. Kommuniziere Vorteile nicht (nur) über KPI oder ROI.

Der dritte und letzte Vortrag legte den Fokus auf die Gestaltung für positive User Experience. Prof. Dr. Michael Burmester von der Hochschule der Medien Stuttgart, Konsortialleiter des Mittelstand 4.0 Kompetenzzentrums Usability, zeigte, dass immer mehr Unternehmen hohes Interesse an einer Gestaltung für positive Erlebnisse und Wohlbefinden bei der Nutzung von Technologie haben. Jedoch treten in der Gestaltungspraxis immer wieder Probleme und Missverständnisse auf. Diese wurden in fünf Herausforderungen mit möglichen Lösungsansätzen dargestellt. Dazu gehörte beispielsweise, dass positive Erlebnisse gerade bei der Gestaltung von Software in Arbeitskontexten oft von Verantwortlichen oder Gestaltern als unnötig angesehen werden, da die arbeitenden Personen ja vor allem ihre Arbeitsziele erreichen sollen. Positive Erlebnisse wie das Erleben bedeutungsvoller und sinnhafter Arbeit, wirken bereichernd und haben positive Auswirkungen z.B. auf die Kreativität und Motivation. Ein Sinnerlebnis in der Arbeit kann ermöglicht werden, indem das System den Arbeitenden aufzeigt, welche Beiträge Arbeitende für ihr Unternehmen oder ihre Kunden erzielt haben.
Nach den Vorträgen wurden aus den gesammelten Herausforderungen vier Themen identifiziert, die in der Diskussion mit Lösungen bzw. Innovations- bzw. Forschungsbedarf angereichert wurden.

Folgende Themen wurden identifiziert:

  1. Wissen und Fähigkeiten
    Es wurde danach gefragt, wie Usability von User Experience unterschieden werden kann. Mangelnde Differenzierung der Konzepte ist ein Problem, welches nicht nur im Workshop angesprochen wurde, sondern auch in der Wissenschaft bereits diskutiert wird. Die Forschung zeigt, dass in der Praxis beide Konzepte verschwimmen. Das Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Usability hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Unterschiede der Konzepte deutlich zu machen und für die Unterscheidung zu sensibilisieren [Link: Definition User Experience]. Zudem wurde gefragt wie interessante, neue und „mutige“ Nutzungskonzepte für Produkte entstehen können und wie international vertriebene Produkte für unterschiedliche Märkte und Kulturen angepasst werden müssen.
  2. Überzeugen
    Wie andere Personen überzeugt werden können, war ein stark diskutiertes Thema. Dabei sind unterschiedliche Gruppen genannt worden, die von UUX-Maßnahmen überzeugt werden sollen. Genannt wurden die Geschäftsführung und die Kollegen im eigenen Unternehmen. Zudem müssen weitere Interessengruppen – sogenannte Stakeholder eines Systems – und schließlich auch die Kunden, die Software in Auftrag geben, überzeugt werden. An der Stärke der Überzeugungsdebatte und der Heterogenität der zu überzeugenden Gruppe wird deutlich, dass UUX in Unternehmen noch keine Selbstverständlichkeit ist und oft erst in Anfängen existiert. Der zweite diskutierte Themenkomplex war die Frage, wie überzeugt werden kann. Dabei wird immer wieder beschrieben, dass Metriken (z.B. UUX-Messungen) oder KPIs (Key Performance Indicators) zu UUX gewünscht werden. Deren Überzeugungskraft wird jedoch auch kritisch gesehen und strategische Überlegungen zur Einführung und Etablierung von UUX bevorzugt. Als effektive Möglichkeiten der Überzeugung wird genannt, dass die zu überzeugenden Personen frühzeitig in UUX-Maßnahmen eingebunden werden, z.B. an Workshops teilnehmen oder Usability-Tests beobachten.
  3. Zusammenarbeit, Team und Rollen
    Bei diesem Thema wird vor allem die Zusammenarbeit in Unternehmen und in Projekten angesprochen. Hierbei ist es notwendig, dass in interdisziplinären Arbeitsgruppen die Rollen klar definiert werden. Bei großen Unternehmen scheint es ein besonderes Problem zu sein, dass die Anzahl der UUX-Experten im Verhältnis zu den Softwareentwicklern deutlich geringer ist und diese nicht in allen Projekte vertreten sind. Gleichzeitig scheint immer noch ein Akzeptanzproblem für die UUX-Experten in manchen Teilen der Softwareentwicklung zu bestehen. Für alle Unternehmenstypen wird gefordert, dass für UUX sensibilisiert sowie über UUX-Konzepte und Methoden aufgeklärt werden sollte.
  4. Integration und Etablierung
    Wenn UUX-Maßnahmen nachhaltig in ein Unternehmen integriert und deren Anwendung etabliert werden soll, so muss UUX ein Bestandteil der Unternehmenskultur werden. Es muss sichergestellt werden, dass Nutzerzentrierung durchgängig gelebt und die entsprechenden Maßnahmen umgesetzt werden. Eine besondere Herausforderung stellt hier die Integration von UUX-Maßnahmen in agile Entwicklungsprozesse dar.

Im Workshop wurde sehr engagiert diskutiert und an möglichen Lösungen gearbeitet. Deutlich wurde, dass die UUX-Experten mit durchaus ähnlichen Herausforderungen konfrontiert sind. Es besteht ein hoher Bedarf an praktikablen Lösungen zu den oben genannten Themen und an Austausch zu unterschiedlichen Vorgehensweisen und Erfahrungen. Daran wollen wir als Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum weiterarbeiten. Die Erkenntnisse aus dem Workshop werden in unsere weitere Arbeit einfließen. Der Workshop wird weiter ausgewertet und die Ergebnisse werden hier auf der Website vorgestellt.
Auch im nächsten Jahr werden wir die Workshop-Reihe UUX-Praxis auf der Mensch und Computer fortsetzen.


17.09.19

Mehr zum Projekt

Hochschule der Medien
Karlsruher Institut für Technologie

Kontakt

Ivo Benke
  • Karlsruher Institut für Technologie
  • Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Usability
Prof. Dr. Michael Burmester
  • Hochschule der Medien
  • Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Usability
Dr. Michael Minge
  • Technische Universität Berlin
  • Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Usability

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