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Im ersten Teil unserer Artikelreihe haben wir bereits einige Ansätze vorgestellt, wie wir Technologie nutzen können, um Nähe trotz Distanz zu erleben. In diesen Konzepten stand vor allem das Teilen von Eindrücken mit den Mitmenschen im Vordergrund. Im zweiten Artikel der Reihe beschäftigen wir uns mit Beispielen aus wissenschaftlichen Studien, in denen das Dokumentieren und Berichten von Erlebnissen sowie das Erzählen von Geschichten und das Anreichern von Gesprächen im Vordergrund steht.

Dokumentieren und Berichten

Neben dem reinen Teilen von persönlichen Inhalten kann auch das Dokumentieren und Berichten von Erlebnissen Nähe auf Distanz erzeugen. Alle Beteiligten werden auf dem Laufenden gehalten und in die eigenen Aktivitäten mit einbezogen. Gerade im Familienkontext, zwischen verschiedenen Angehörigen oder gar mehreren Generationen, findet man solche Konzepte oft wieder. Die Interaktion zwischen diesen Personen kann Inspiration für neue Gesprächsthemen oder sogar gemeinsame Aktivitäten bieten. Die Familienbeziehungen können so weiter gestärkt werden.

In der „Familienzeitung“ (Familienzeitung, 2016) wird die Geschichte der eigenen Familie erzählt. In kleinen Artikeln von maximal 300 Zeichen kann jedes Familienmitglied von zuhause oder unterwegs Erlebnisse teilen, die die ganze Familie sehen soll. Alle zwei Wochen wird die Familienzeitung gedruckt und samstags ausgeliefert.

Die App „Mimo“ (Heshmat & Neustaedter, 2018) hilft Familienmitgliedern, die sich in verschiedenen Zeitzonen befinden, sich miteinander zu verbinden, indem Inhalte asynchron geteilt werden. Es besteht die Möglichkeit, Audio-Erzählungen bei Aktivitäten aufzunehmen und zu teilen. Die Zielgruppe sind Eltern und ihre erwachsenen Kinder sowie erwachsene Geschwisterpaare. Der Nutzende kann unter anderem Kategorien für die Audiodatei auswählen. Wenn das Gegenüber eine Benachrichtigung über eine neue Audio-Geschichte erhält, sieht es, was das Familienmitglied gerade macht und kann z.B. die gleiche Aktivität ebenfalls ausführen. Dadurch und dank der Personalisierbarkeit erhöht sich das Gefühl der Verbundenheit und Freude.

 

Gespräche anreichern und Geschichten erzählen

Verbundenheit kann auch entstehen, indem Konversationen mit neuen Themen angereichert und Geschichten zwischen zwei Seiten erzählt werden. Dies stärkt auch den Kontakt mit dem Gegenüber und fördert das Gefühl von Nähe, also sozialer Präsenz, während der Kommunikation.

Der „Ich zeig dir was-Bilderrahmen” (Adamow et al., 2015) reichert Telefonate mit einem zusätzlichen Informationskanal für mehr Gesprächsthemen an. In zwei Haushalten ist der Bilderrahmen mit digitalem Display vorhanden. Über eine Bilddatenbank lassen sich neue Bilder hochladen. Das gezeigte Bild erscheint stets synchron auf beiden Displays. Jedoch hat immer nur ein Bilderrahmen die Kontrolle über die aktuell gezeigten Bilder. Die andere Person hat dabei eine passive, beobachtende Rolle. Weitere Informationen und ein Video, das zeigt, wie ein solches Szenario aussehen könnte, erhalten Sie hier.

Mit „BedtimeStories” (Danek, 2015) entwickelte Lufthansa eine Möglichkeit für Reisende, Gute-Nacht-Geschichten an ihre Kinder zu versenden. In einer Installation im Flughafen kann man als Elternteil eine der vorhandenen Bücher oder eine eigene Geschichte vorlesen und die Nachricht mit einem Selfie versehen. Kamera und Mikrofon sind in der Installation ebenfalls integriert. Das Kind kann zuhause die vorgelesene Geschichte als Audiodatei abspielen. Im Imagefilm von Lufthansa erhält man einen guten Eindruck, wie eine solche Situation beispielhaft ablaufen kann.

Im Projekt Express2Connect entstand die App „Storyville“ (AAL Programme, 2015), die das persönliche Geschichtenerzählen stimuliert und erleichtert. Verbindungen und Kommunikation zwischen älteren Erwachsenen, basierend auf deren Interessen, werden ermöglicht. Diese Menschen sollen beim Aufbau und bei der Pflege von Beziehungen zu anderen unterstützt werden. Laden sich zwei Personen die App „Storyville“ jeweils auf ein iPad herunter, so können diese darüber Inhalte austauschen und nebenbei, beispielsweise über ein Telefonat, miteinander kommunizieren. In diesem Video wird ein Szenario gezeigt, in dem mehrere Personen an einem Ort über die Anwendung miteinander interagieren. Durch verschiedene Games können sie in der App Bilder, Musik und vergangene Erfahrungen miteinander austauschen. So wird einen Ausgangspunkt für den Dialog geschaffen und der Aufbau von Beziehungen zwischen zwei oder mehr Personen vorangetrieben. Dem inneren Erleben von Einsamkeit soll durch die Nutzung der App im besten Falle direkt vorgebeugt werden.

Hier kommen Sie zum ersten Teil der Artikelreihe „Sich anderen nahe fühlen über Distanz – Wie kann das funktionieren?“

Autorin: Amelie Bustorff

 

Quellen und weitere Links:

AAL Programme (2015). Success Stories 2015. AAL Programme. www.aal-europe.eu/wp-content/uploads/2015/04/AALSuccessCASES__NO_CROPS.pdf

Adamow, W., Beedgen, P., Lenz, E., Schneider, T., Kohler, K., & Hassenzahl, M. (2015). Weit weg und doch nah–zwei Technikkonzepte im Familieneinsatz. In Mensch und Computer 2015 Tagungsband.

Danek, S. (2015). Unfreiwillig aktuell: Bedtime Stories für Lufthansa. PAGE online. https://page-online.de/kreation/unfreiwillig-aktuell-bedtime-stories-fuer-lufthansa/

Der Ich zeig dir was-Bilderrahmen (2016). Nähe auf Distanz. https://naeheaufdistanz.com/portfolio/der-ich-zeig-dir-was-bilderrahmen/

Die Familienzeitung (2016). Nähe auf Distanz. https://naeheaufdistanz.com/portfolio/die-familienzeitung/.

Heshmat, Y., & Neustaedter, C. (2018). Family Members Sharing Activities Through Audio Narratives in Different Time zone.

Lufthansa (2016). #BedtimeStories – Gute Nacht von unterwegs | Lufthansa. YouTube. www.youtube.com/watch?v=BtUjGnNWZ6A


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