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Eine schwierige Situation stellt die meisten Unternehmen aktuell auf die Probe. Home Office, Social Distancing, etc. bringen auch für das Kompetenzzentrum Usability neue Herausforderungen mit sich: Wie können Methoden der menschzentrierten Gestaltung in einem digitalen Rahmen durchgeführt werden? Welche Methoden eigenen sich?

Die COVID-19 Pandemie hat nicht nur vielen Unternehmen, sondern auch den Studierenden der Hochschule der Medien einen Strich durch die Rechnung gemacht. Projekte, die bislang auf persönlichem Austausch basierten, mussten kurzerhand digital durchgeführt werden. Das gilt auch für den Bereich der menschzentrierten Gestaltung, in welchem plötzlich digitale Methoden gefordert waren. Aber wie können Methoden der menschzentrierten Gestaltung in einem digitalen Rahmen durchgeführt werden? Welche Methoden eigenen sich? Kurzum: Wie funktionieren Usability und User Experience (UUX) remote?

Wir stellen im folgenden Artikel die Erkenntnisse von 13 Studierenden der Hochschule der Medien in Stuttgart vor, welche sich ein Semester lang ebenjener Herausforderung gestellt haben und wertvolle Tipps für das digitale Arbeiten haben.

Die Einschätzung der Studierenden

Durch ein Interview mit 13 Studierenden, die ein gesamtes Semester lang Erfahrungswerte zu remote UUX-Methoden im Rahmen der Pilotprojekte des Kompetenzzentrums Usability gesammelt haben, hat sich folgende Erkenntnis herauskristallisiert:

Alles kann, nichts muss. Aber was bedeutet das?


Alles kann…

… aus der Sicht der Studierenden verändert und auf die aktuelle, digitale Situation angepasst werden. Dazu ist natürlich eine umfassende Recherche und auch ein wenig Fantasie von Nöten. Denn nicht jede UUX-Methode eignet sich gleich gut dazu, digital durchgeführt zu werden. Wir klären auf, was laut den Studierenden besonders beachtet werden sollte:

Eher schwierig wird es, wenn es darum geht, eine persönliche Verbindung aufzubauen. Die zwischenmenschliche Kommunikation leidet unter dem digitalen Rahmen enorm. Körpersprache, Blickkontakt, etc. fallen durch digitale Meetings von Grund auf weg und es fällt schwerer, ein natürliches Gespräch zu führen. Wenn Teilnehmende eines Workshops beispielsweise vom Thema abkommen, kann sich als schwierig erweisen, als Moderator*in einzuschreiten. Oder etwa, wenn man versucht, nervösen Teilnehmenden die Angst zu nehmen und eine beruhigende Atmosphäre auszustrahlen. Um solche Situationen besser zu meistern, hilft es:

  • Sowohl in Meetings als auch in Workshops Funktionen wie „Hand Heben“ (beispielsweise in Zoom) aktiv zu nutzen, um sich nicht gegenseitig zu unterbrechen.
  • Teilnehmende eines Workshops Fragen in den Chat schreiben lassen, um flexibel darauf eingehen zu können.
  • Von Anfang an klar zu kommunizieren, was das Ziel eines Workshops ist.
  • Teilnehmende eines Workshops bereits im Vornherein darüber zu informieren, was sie erwartet und wie der Workshop durchgeführt wird. (damit sie beispielsweise neue Tools bereits einmal ausprobieren können)

Auch die Dauer der Durchführung der UUX-Methoden kann entscheidend sein, wie gut sie für die Überführung ins Digitale geeignet ist. Hier sollte man, wo es geht, stark fokussieren, da die Konzentrationsspanne im digitalen Umfeld aus Erfahrung grundsätzlich wesentlich kürzer ist. Das Starren in den Laptop wird als anstrengend bezeichnet. Dadurch, dass oft Dinge wie Smalltalk oder Scherzen wegfallen, ist die Arbeit außerdem oft besonders geballt und der Effekt verstärkt sich. Hier empfiehlt es sich:

  • Methoden auf das Wesentliche zu reduzieren. Aber gleichzeitig darauf zu achten, dass nichts Essentielles wegfällt! (Beispiel: Nicht nur die erste Hälfte der Methode durchführen)
  • Unbedingt auf Pausen zwischendurch zu achten.

Es ist weiterhin wichtig, dass die UUX-Methode mit vorhandenen Online Werkzeugen (Tools) umgesetzt werden kann. Eine Liste bekannter Tools ist am Ende des Artikels aufgeführt. Hier ist ebenfalls Reduktion gefragt. Anstatt Teilnehmende eines Workshops oder auch sich selbst mit zu vielen verschiedenen Techniken zu überfordern, sollte man lieber auf 1-2 Tools zurückgreifen, die sich gut ergänzen. Gut eignet sich hierfür beispielsweise Zoom Whiteboard. Dieses ermöglicht es allen Teilnehmenden parallel, neben dem Gespräch bunte Markierungen in gezeigte Dokumente zu setzen.
Zusammenfassend bedeutet das:

  • Eingesetzte Tools bei Workshops reduzieren, um Teilnehmende nicht zu überfordern.
  • Tools den Teilnehmenden erklären, besonders wenn diese nicht sehr technikaffin erscheinen.
  • Ein zur Methode passendes Tool wählen. Gegebenenfalls müssen auch Methoden an das Tool angepasst werden. Sie sollten dadurch aber nicht Ihren Fokus und ihr Ziel verlieren.
  • Vorteile der ausgewählten Tools nutzen: Screensharing, um Dinge zu zeigen, Chat zum Kommunizieren, etc.

Welch ein Glück, dass zumindest eine Sache leichtfällt: Das Aufzeichnen. Bei der Wahl der UUX-Methode und auch des Online Tools, sollte man diese Möglichkeit unbedingt im Hinterkopf behalten. Es reicht oft ein Knopfdruck aus und ganze Konversationen oder Workshops können aufgezeichnet werden. Dies hilft ungemein beim Protokollieren oder späteren Auswerten. Dabei sollte man darauf achten:

  • Meetings/Workshops/etc. vollständig aufzuzeichnen. Aber Achtung: auch online ist dafür eine Datenschutzerklärung erforderlich!
  • Tools zu nutzen, die eine spätere Veränderung der Information zulassen (Post its umsortieren, ganze Boards kopieren)
  • Information eines Workshops nachhaltig zu konservieren
  • Strukturiert zu arbeiten (Whiteboards in PDFs konvertieren, in Ordner sortieren, etc.)

Zuletzt noch die Sache mit der Vorbereitung. Die Studierenden betonen besonders, wie essenziell eine gute und vorausschauende Planung einer remote UUX-Methode ist. Es ist klar, dass die digitale Situation für viele Personen neu ist. Am besten, man lernt die neue Art und Weise, eine Methode durchzuführen, erst einmal kennen. Beispielsweise indem man sie vorher einmal ausprobiert. Das bedeutet:

  • Verstärkt Pilottests zu neuen UUX-Methoden mit Teilnehmenden durchführen.
  • Mehr Zeit einplanen für technische Einrichtungen, falls es Probleme gibt (Mikrofon funktioniert nicht, Tool kann nicht geöffnet werden, ...).
  • Sich Fehler erlauben! Nicht aus der Ruhe bringen lassen, sollte einmal etwas nicht funktionieren. Die Situation ist für uns alle neu.

Falls das jetzt aber alles zu kompliziert klingt, haben wir noch einen letzten Tipp auf Lager und erklären damit den Titel des Artikels:


Nichts muss...

... zwingend verwendet und ins Digitale umgemünzt werden. Man sollte sich bei der Anpassung der UUX Methode kein Bein ausreißen! Vielleicht reicht es bereits, eine Online Befragung durchzuführen und einfach durch offene Fragen an die gewünschte Information zu gelangen. Wenn man zudem einen Blick in den Werkzeugkasten des Kompetenzzentrums Usability wirft, wird schnell klar, dass es beinahe für jede UUX-Methode eine Alternative gibt. Ganz konkret bedeutet das:

  1. Womit die Studierenden gute Erfahrungen gesammelt haben, sind Interviews oder Fokusgruppen zur Analyse, welche problemlos digital durchgeführt werden können.
  2. In der Gestaltung helfen verschiedene Kreativitätsmethoden wie Lotusblütentechnik, Bildwand oder Random Words, die auch digital helfen können, die Kreativität in Schwung zu bringen.
  3. Szenarien, Personas, und kollaboratives Prototyping (Tools werden unten aufgeführt) sollten ebenfalls keine Probleme darstellen.
  4. Evaluationen laufen für gewöhnlich mithilfe der Online Tools wie Miro sehr strukturiert ab und Ergebnisse können nachhaltig konserviert werden.

Es macht die Sache insgesamt einfacher, auf vorhandenem Wissen aufzubauen (Hier erfahren Sie Näheres zu weiteren UUX-Methoden, die bereits bereits Erfolg gezeigt haben). Manches klappt, manches nicht und manche Methoden müssen ganz einfach zu einem späteren Zeitpunkt in Präsenz durchgeführt werden. Grundsätzlich aber gilt: Probieren geht über Studieren! Deshalb einfach mal ausprobieren. Viel Erfolg!

Kommunikationstools

  • BigBlueButton
  • Cisco Webex
  • Discord
  • GoToMeetings
  • Jabber
  • Microsoft Teams
  • Slack
  • Skype
  • Wire
  • Zoom
  • ...

Online Tools

  • Adobe XD (Kooperative Gestaltung)
  • Balsamiq (Wireframes)
  • Canva (Templates)
  • Conceptboard (Kooperative Pinnwände)
  • Figma (Kooperative Gestaltung)
  • Google Drive (gemeinsam an Dokumenten arbeiten)
  • Milanote (Kollaboratives Moodboard)
  • Miro (Kollaboratives Whiteboard, gut für Interaktion mit Nutzern, Kreativmethoden oder Auswertungen)
  • Padlet (Bildwand)
  • Zoom Whiteboard (Einfache, schnelle Interaktion mit Nutzern)
  • ...

Sie haben bereits Erfahrungen mit remote UUX-Methoden? Teilen Sie diese gerne mit uns per Mail oder unter dem Hashtag #UUXremote. Wir freuen uns auf den Austausch!

 

Autorin: Patrizia Schiffrer


24.09.20

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