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Die User Experience Concept Exploration (UX CE) ist eine außergewöhnliche Methode der Nutzerforschung. Sie kombiniert verschiedene Instrumente, wie Workshops, kreative Tagebuch-Aufgaben und Interviews, miteinander und begleitet NutzerInnen über mehrere Tage. Wie kaum eine andere Methode ermöglicht die UX CE dadurch eine tiefere Bindung zu Ihren NutzerInnen. Auch in der aktuellen Corona-Situation lässt sich die UX CE gut realisieren – und ist genau deshalb relevanter denn je.

Anders als beispielsweise die Online-Befragung zielt die UX CE nicht darauf ab, große Mengen an Personen zu befragen und sich die Zielgruppe zu erschließen. Diese Methode wird mit nur 6-12 TeilnehmerInnen durchgeführt, welche dafür besonders intensiv kennengelernt werden. Somit lassen sich besondere Einblicke in die Bedürfniswelt Ihrer NutzerInnen gewinnen und neue, kreative Ideen für Ihr Produkt(-konzept) zusammen mit diesen entwickeln. Die Erkenntnisse der UX CE ermöglichen es Ihnen außerdem, konkrete Personas in der weiteren Entwicklung des Produkt(-konzepts) vor Augen zu haben.  

Die UX CE wurde ursprünglich als Methode auch mit mehreren face-to-face Phasen konzipiert. Unser aktuelles Pilotprojekt mit dem Start-Up XVESTOR.APP zeigte uns jedoch, dass die UX CE auch ohne große Probleme völlig remote stattfinden kann. Dies eröffnet außerdem den Vorteil, TeilnehmerInnen nicht nur lokal, sondern in ganz Deutschland akquirieren zu können. XVESTOR.APP möchte eine Finanzberatungs-App entwickeln, die ihre NutzerInnen dabei begleiten soll, nachhaltig in Aktienfonds für ihre Altersvorsorge zu investieren. Im Folgenden stellen wir Ihnen die Methode UX Concept Exploration, und was da bei zu beachten ist, detailliert am Beispiel des Pilotprojekts mit XVESTOR.APP vor.  

Zielgruppe 

Wie so oft im User Research sollten die ersten Gedanken, die man in ein Projekt investiert, der Zielgruppe gewidmet sein. Wem genau möchte ich welche Fragen stellen? Handelt es sich beispielsweise eher um Stamm- oder Neukunden, junge oder ältere Menschen? Die klare Eingrenzung der Zielgruppe ist auch für die UX CE eine wichtige Voraussetzung. 

Das Anwerben von TeilnehmerInnen im Falle von XVESTOR.APP ist beispielsweise über die Social-Media-Kanäle des Start-Ups und Gründernetzwerke, aber auch durch Werbung im entfernteren Freundes- und Verwandtenkreis gelungen. Außerdem wurden Aushänge an Supermärkten und co. gemacht.

Phasen der UX CE 

Der individuelle Ablauf Ihrer UX CE sollte bereits vor Teilnehmerakquise genauestens geplant sein. Auch die benötigten Materialien müssen vor Beginn erstellt werden. Die UX CE besteht aus vier wichtigen Elementen:

  1. Konzeptphase 
    In dieser Phase kommt es zum persönlichen Kennenlernen Ihrer TeilnehmerInnen in einem Workshop. Den TeilnehmerInnen soll das UX Mindset vermittelt und das Produkt(-konzept) vorgestellt werden. Welche Funktion hat es, in welchen Szenarien könnte es eingesetzt werden? Hierfür können auch Skizzen, Bildergeschichten o.ä. verwendet werden. Es können außerdem Fragebögen eingesetzt werden, um ein paar Meinungen/Erfahrungen der TeilnerhmerInnen zum Thema zu erfahren. Den TeilnehmerInnen wird außerdem der weitere Ablauf der UX CE erklärt. Für die kommenden Tage bekommen sie ein Erlebnistagebuch, einen Erinnerungsgegenstand und weitere Materialien und Tagesaufgaben.  

    Aufgrund der Corona-Pandemie wurde der Workshop im Falle von XVESTOR.APP per Videokonferenz (z.B. Skype o.ä.) gehalten. Die benötigten Materialien wurden den TeilnehmerInnen vor dem Workshop per Post zugesendet. 
     
  2. Erinnerungsgegenstand 
    Der Erinnerungsgegenstand sollte so gestaltet sein, dass er mit dem Produkt assoziiert wird und sich gut in den Alltag der TeilnehmerInnen integrieren lässt (z.B. ein Sticker auf dem Smartphone, ein Desktop-Hintergrund,…). Es ist auch möglich, dass die TeilnehmerInnen ihren persönlichen Gegenstand im Workshop kreieren (aus Lego, Knete,…) und diesen auch während der Laufzeit der UX CE modifizieren dürfen. Der Erinnerungsgegenstand sollte also nicht nur an die Tagesaufgaben erinnern, sondern auch auf das Thema einstimmen und für Inspiration sorgen.  

    In unserem Pilotprojekt bekamen die TeilnehmerInnen bei XVESTOR.APP die Aufgabe, ihren Finanzberater als Tier auf ein Blatt Papier zu zeichnen. Dieses Tier wurde im Laufe der UX CE modifiziert und mit Eigenschaften (z.B. auf Post-Its) ergänzt.  
     
  3. Feldphase 
    Diese Phase stellt den Kern der UX CE dar. Die TeilnehmerInnen bekommen über mehrere Tage verteilt (5-8 Tage) kleine Aufgaben (30min pro Tag), die sie bearbeiten sollen. Diese sollten möglichst offen gestaltet sein und die Kreativität anregen. Ziel der Aufgaben ist es, mehr über die Bedürfnisse der Zielgruppe zu erfahren und neue Ideen für das Produkt zu gewinnen. Häufig ist es sinnvoll, ein fiktives Szenario zu präsentieren, in welches sich die Teilnehmenden hineinversetzen. Dabei sollen sie sich das Produkt(-konzept) vorstellen, es erweitern, oder völlig neue, eigene Ideen kreieren. Auch hier kann es sinnvoll sein, haptische Erfahrungen durch Ausschneiden, Kleben, Basteln, Malen usw. zu ermöglichen. Die Erfahrungen und Emotionen, die während den Aufgaben entstehen, sollen die Teilnehmenden dokumentieren. Dies kann anhand des Tagebuchs geschehen, aber auch durch kleine Audio- oder Videoaufnahmen direkt mit der UX CE LeiterIn geteilt werden.  

    Beispielsweise erstellte XVESTOR.APP ein Planspiel, in welchem die TeilnehmerInnen fiktives Geld in Aktienfonds investierten. Sie bekamen an unterschiedlichen Tagen eine Nachricht darüber, ob sie einen Gewinn oder einen Verlust erzielt haben. Dies wurde außerdem durch eine Süßigkeit-Belohnung (bei Gewinn) oder dem Ausbleiben einer Belohnung (bei Verlust) verstärkt. XVESTOR.APP konnte so herausfinden, welche Gefühle, Sorgen und Bedürfnisse ihre Zielgruppe beim Investieren haben.  
     
  4. Abschlussinterview 
    Das Abschlussinterview wird nach der Feldphase mit jedem Teilnehmenden einzeln gehalten. Auch dies kann entweder face-to-face oder, wie im Falle von XVESTOR.APP, remote stattfinden. Sie können tiefer auf Aspekte eingehen, die sie besonders interessant an den Antworten der Person, mit der sie das Abschlussinterview führen, fanden. Auch können Sie der Person nochmals Ihr ursprüngliches Produkt(-konzept) vorstellen und vergleichen, inwieweit sich dieses für die Person während der Feldphase verändert hat. Mit wiederholtem “Warum?”-Fragen können Sie immer tiefer zu den Bedürfnissen vorzudringen, die durch das Produktmerkmal (nicht) angesprochen wurden.  
    Haben Sie im Kennenlern-Workshop Fragebögen eingesetzt, ist nun auch ein guter Zeitpunkt, diese erneut abzufragen und nach Unterschieden Ausschau zu halten.  

Auswertung 

Spätestens bei der Auswertung werden Sie feststellen, dass die UX CE eine durchaus aufwendige Methode ist. In den letzten Tagen wurden große Mengen an Informationen gesammelt, die es nun gilt, sinnvoll zu strukturieren und in den weiteren Produktentwicklungsprozess zu integrieren. Dabei gibt es kein Vorgehen nach Schema F, die Auswertung einer UX CE kann je nach Gestaltung der Methode, LeiterInnen und Produkt(-konzept) unterschiedlich ausfallen.  
Generell empfiehlt es sich, eine Kategorisierung der Antworten vorzunehmen. Welche Antworten/Ideen/Gefühle/Bedürfnisse gingen in eine ähnliche Richtung? Welche wurden besonders häufig genannt? Auch können Sie Zitate/Zeichnungen/etc. Der TeilnehmerInnen festhalten, die Ihnen besonders aufgefallen sind. Da Sie in den letzten Tagen einige Ihrer potentiellen NutzerInnen intensiv kennenlernen konnten, empfiehlt es sich auch, Personas zu entwickeln. 

XVESTOR.APP hat in einem ausführlichen Blogbeitrag über ihre Erfahrungen und gewonnene Ergebnisse der UX CE berichtet. Hier können Sie konkrete Einblicke in eine UX CE bekommen. Weitere Informationen über die Methodik finden Sie außerdem im Werkzeugkasten.  


15.09.20

Kontakt

Doris Janssen
Patrick Stern

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