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Weltweit haben viele Arbeitgeber und Arbeitnehmer angesichts der Corona-Pandemie kurzfristig ihre Arbeitsplätze zu Hause einrichten müssen. Der amerikanische Ökonom Nicholas Bloom befürchtet infolgedessen einen drastischen Einbruch der Unternehmensproduktivität. Doch eine seiner vorherigen Studien belegte die Vorteile der Arbeit im Homeoffice. Wie kann das sein? Der vorliegende Beitrag deckt die Hintergründe auf und zeigt, dass eigentlich eine Mischung aus Homeoffice und Büroalltag ideal für die Mitarbeiterproduktivität wäre.

In einem kürzlich erschienen Beitrag der Stanford Business School befürchtet der amerikanische Ökonom Nicholas Bloom, dass die durch Covid-19 oftmals induzierte Verlagerung des Arbeitsplatzes in den privaten Lebensraum der Mitarbeitenden sich langfristig in erhebliche Produktivitätsverluste und geringerem Wirtschaftswachstum manifestieren werde. Diese Aussage ist insofern erstaunlich, als dass eine im Jahr 2015 erschienene Studie von Bloom konträr dazu die Vorteile von Homeoffice-Praktiken offenbarte.

Damals untersuchte Bloom im so-genannten “Ctrip-Experiment” die Auswirkungen der Arbeit von zu Hause auf die Produktivität, Profitabilität und Arbeitssituation der Mitarbeitenden der chinesischen Reiseagentur Ctrip. Hierzu wurden zunächst die Mitarbeitenden des Call-Centers ermittelt, die freiwillig an dem „Working-from-Home“ Experiment teilnehmen wollten und bestimmte Kriterien – wie etwa Breitbandzugang oder die Verfügbarkeit eines Heimbüros - erfüllten. Nach dem Zufallsprinzip wurden dann knapp 1.000 Mitarbeiter auserwählt, die über einen Zeitraum von neun Monaten hinweg entweder von zu Hause oder vom Büro aus arbeiteten. Im Ergebnis zeigte die Studie, dass die Arbeit von zu Hause zu einer Leistungssteigerung von 13% Prozent, zu einem Rückgang der Kündigungsquoten um 50% und letztendlich zu einer höheren Arbeitszufriedenheit der Mitarbeitenden führte. Dahingehend sind jedoch die direkten Auswirkungen des Experiments auf eine spezielle Gruppe von Mitarbeitenden beschränkt – nämlich diejenigen, die in Call-Centern arbeiten und einer Leistungsvergütung unterliegen. Dennoch zündeten die Studienergebnisse damals weltweit Enthusiasmus– insbesondere bei Geschäftsführern und Mitarbeitenden, die sich durch neue Homeoffice-Praktiken nun auch kürzere Arbeitswege, eine bessere Work-Life-Balance und höhere Produktivität versprachen. Auch die chinesische Reiseagentur führte im Abgang der Studie die Option auf Arbeit von zu Hause für die gesamte Belegschaft ein.

Doch die Rahmenbedingungen im heutigen Corona-Homeoffice seien mit den Bedingungen des Ctrips-Experiments von damals kaum vergleichbar, so Bloom in dem Beitrag der Stanford Business School. Vier Faktoren wären für die Produktivitätsverluste ausschlaggebend: (1) Kinderbetreuung, (2) Arbeitsplatzeinrichtung, (3) Bürotage und (4) persönliche Entscheidungsfreiheit. Angesichts der Schulschließungen müssten derzeit viele berufstätige Eltern zusätzlich einen Vollzeitjob als Lehrer wahrnehmen. Bloom zufolge sei die Kinderbetreuung in Schulen oder Ganztagesstätten jedoch eine grundlegende Voraussetzung für das erfolgreiche Arbeiten von zu Hause. Auch die Einrichtung eines festen Arbeitsplatzes gehöre dazu. In der Ctrip-Studie wurde explizit berücksichtigt, dass die Teilnehmer über ein eigenes Heimbüro verfügten. „Viele Menschen, die ich interviewt habe, arbeiten jetzt in ihren Schlafzimmern oder in Gemeinschaftsräumen, in denen sie dem Lärm der Partner, Familienmitgliedern oder Mitbewohnern ausgesetzt sind“ so Bloom. Zudem war es im Ctrip-Experiment vorgesehen, dass die Mitarbeitenden lediglich vier Tage die Woche von zu Hause arbeiteten. Am fünften Tag mussten diese ins Büro zurückkehren. Bloom zufolge sei die persönliche Zusammenarbeit mit Kollegen insbesondere für die Entwicklung der Kreativität und Aufrechterhaltung der Motivation der Mitarbeitenden unerlässlich. Ein Faktor, der in der aktuellen Corona-Situation zusätzlich fehlen würde, sei auch die persönliche Entscheidungsfreiheit der Mitarbeitenden. Freiwilligkeit an der Teilnahme im „Working-from-Home“ Experiment wurde in der Studie hoch geschrieben. Aufgrund der derzeitigen Infektionsschutzmaßnahmen, bliebe den meisten Mitarbeitenden jedoch nichts anderes übrig, als die plötzliche Umstellung auf Homeoffice zu akzeptieren.

Dabei zeigten sich aber auch im Ctrip-Experiment negative Effekte bei den Mitarbeitenden, die im Homeoffice arbeiteten: „Viele der Mitarbeitenden berichteten, dass sie sich zu Hause isoliert, einsam und depressiv fühlten. Ich befürchte daher, dass eine längere Arbeitszeit von zu Hause aus nicht nur die Produktivität des Büros beeinträchtigen, sondern auch eine Krise der psychischen Gesundheit auslösen wird“, so Bloom. Um den entgegenzuwirken können laut Bloom regelmäßige Check-ins zwischen Managern und Teams, die Einhaltung strukturierter Zeitpläne und die Zusammenarbeit über Videotelefonie anstatt bloßer Telefonie hilfreich sein.

Homeoffice versus Büroarbeit – der Beitrag in der Stanford Business School zeigt, dass viele Faktoren für das erfolgreiche Arbeiten von zu Hause ausschlaggebend sind. Letztendlich gilt es hier vor allem die individuellen Umstände zu berücksichtigen. Langfristig gesehen werden aber sicherlich auch die individuellen Präferenzen der Mitarbeitenden wieder eine Rolle spielen. So wurden im Ctrip-Experiment die Mitarbeitenden im Homeoffice nach neun Monaten gefragt, ob sie dies auch weiterhin tun oder von nun an wieder im Büro arbeiten möchten. Mehr als die Hälfte der befragten Mitarbeitenden bat darum, wieder ins Büro zurückzukehren – einem durchschnittlichen Arbeitsweg von 40 Minuten zum Trotz. 


05.05.20

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Elisabeth Ebert

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