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Photo by youssef naddam on Unsplash

Die Ausbreitung des Corona-Virus hat nicht nur gesundheitliche und wirtschaftliche Auswirkungen, sondern verändert uns auch als Gesellschaft. Wir müssen unseren Alltag anders bewältigen als bisher und kommen dadurch auf neue Ideen. Auch wenn die aktuelle Lage in diesem Beitrag nicht schöngeredet werden soll, wollen wir Ihnen hier dennoch positive Entwicklungen in Zeiten von Covid-19 aufzeigen.

Eltern stellen sich zur Zeit einer besonderen Herausforderung: Sie müssen Ihren Job im Homeoffice und die Betreuung ihrer Kinder unter einen Hut bringen. Da hilft es, die Kinder für eine Weile beschäftigen zu können. Kindergalerien, Ortsverbände, Fördervereine oder andere Einrichtungen schreiben derzeit viele Malwettbewerbe für Kinder aus. Unter Mottos wie „Wir bleiben daheim!“ oder „Mein schönstes Frühlingsbild“ können Kinder kreativ sein und nehmen gleichzeitig an Verlosungen teil. So verschwindet die Langweile für einen Moment. An vielen Fenstern oder Türen sieht man auch selbst gemalte Regenbögen. Andere Kinder können beim Spazieren gehen die Regenbögen suchen und zählen. So sehen die Kinder, dass andere Kinder gerade auch zuhause bleiben müssen. Die Kinder werden sich anderer gewahr: Das heißt, sie werden sich bewusst, dass es andere Menschen gibt, die in einer ähnlichen Situation sind wie sie selbst. Dies wiederum ist ein Aspekt von Verbundenheit, einem psychologischen Bedürfnis.

Solche Bedürfnisse finden sich bei allen Menschen wieder. Deren Erfüllung führt zu positiven Emotionen. Im Folgenden werden wir immer wieder auf das Erfüllen verschiedener Bedürfnisse in diesem Kontext hinweisen. Auch gibt es bestimmte Arten von Erlebnissen, die besonders positiv erlebt werden. Diese sogenannten Erlebniskategorien werden ebenfalls im Artikel angesprochen.

Viel Engagement, anderen zu helfen und etwas bewirken zu wollen, kann man auch in Nachbarschaften entdecken. Italiener in Quarantäne gingen bereits mit Videos von gemeinsamen Sing-Aktionen auf ihren Balkonen durchs Netz. Nun sind die Auftritte auch auf immer mehr deutschen Balkonen zu beobachten. Sie zeigen damit Solidarität zu den Italienern, aber auch zu den Berufsgruppen, die unsere Versorgung gerade möglich machen. In solchen Situationen geschieht etwas Ungewöhnliches, was also stimulierend wirkt. Zudem spielt hier das Bedürfnis nach Anerkennung von anderen eine entscheidende Rolle.

Wie schon in einem früheren Beitrag vorgestellt, sind Plattformen zur Nachbarschaftshilfe in diesen Zeiten sehr wichtig für die Kommunikation. Die Plattform „Nebenan“ beispielsweise erlebt derzeit einen großen Zulauf und gewinnt viele aktive, engagierte Nutzer. Die Seite „Wir Gegen Corona“ vermittelt zwischen Helfenden und Hilfesuchenden aus der Nachbarschaft und bringt diese zusammen. Anderen zu helfen kann dadurch als positiv erlebt werden. Die Kommunikation zwischen Nachbarn kann auch ganz direkt funktionieren: Menschen in Quarantäne lernen ihre Nachbarn in dieser Situation erst richtig kennen. Sie schreiben Zettel mit Fragen wie: „Wie heißt deine Katze?“ und heften diese an ihr Fenster, sodass der jeweilige Nachbar die Frage sehen und antworten kann. Es kann sogar so weit gehen, dass zwei Menschen, die sich zuvor nicht kannten, ein „Date auf Abstand“ haben, wie in New York geschehen. Solche Erlebnisse können das Bedürfnis nach Stimulation stillen, aber auch Verbundenheit zu anderen schaffen.

Für wohnungslose Menschen ist die aktuelle Situation besonders schwer zu bewältigen. Notunterkünfte und andere Anlaufstellen sind stark überlastet. In vielen Städten Deutschlands gab es bis vor Kurzem Gabenzäune für Obdachlose. Hier tritt das positiv Erlebnis, anderen zu helfen stark in den Vordergrund. Man hängt sein zu verschenkendes Gut, wie zum Beispiel Nahrungsmittel, Kleidung, Decken oder Campingutensilien, in einer Tüte mit passender Beschriftung an den Zaun. Die bedürftigen Menschen können sich dann aussuchen, was sie benötigen. Nun, da in vielen Städten die Gabenzäune aufgrund des erhöhten Infektionsrisikos abgeschafft wurden, wäre ein guter Ersatz, an professionelle Einrichtung zur Hilfe von Obdachlosen zu spenden.

Ältere Menschen über 60 Jahre und gleichzeitigen Vorerkrankungen gehören zur Risikogruppe bei Covid-19. Daher sollten gerade sie möglichst alle direkten sozialen Kontakte meiden. Dies wiederum führt zu Vereinsamung, besonders wenn sich Familienmitglieder nicht kümmern können.

Die niederländische Firma Flexotels baut normalerweise Containerhotels für Festivals. Durch Corona haben sie nun keine Aufträge mehr. Also hat Flexotels einen zweiseitigen, aufklappbaren Container gebaut: Auf der einen Seite sitzt eine ältere Person, auf der anderen Seite ihre Angehörigen. Getrennt sind beide durch eine Plexiglasscheibe, können sich aber trotzdem über eine Funkverbindung hören. So sind Treffen zwischen Familien und Personen in Heimen wieder möglich.

Das Hilfs- und Kontaktangebot „Silbernetz“ unterstützt Senioren dabei, einen Weg aus ihrer Isolation zu finden. Sie können entweder anonym und jederzeit bei der Hotline anrufen, einen Silbernetz-Freund oder -Freundin finden, die sich regelmäßig erkundigen oder Angebote in der Nachbarschaft vermittelt bekommen. Für jedermann, dem die Decke zuhause auf den Kopf fällt, gibt es das „Zuhausetelefon“ vom Heimwegtelefon e.V., der normalerweise Partygänger telefonisch nach Hause begleitet. Auf der einen Seite kann das Erlebnis, anderen zu helfen, positiv wahrgenommen werden, auf der anderen Seite sind hier auch der gegenseitige Austausch und das in Kontakt Kommen mit anderen relevant.

Auch Supermarktketten wie Aldi und Lidl werben für ein stärkeres Miteinander in der aktuellen Corona-Krise. Beide Supermärkte haben dazu sogar Vordrucke für Einkaufslisten und Einkaufshilfen bereitgestellt. Gerade an öffentlichen Orten wie Bushaltestellen kommen solche Aushänge häufig zum Einsatz und werden von Menschen, die ihre Einkäufe nicht selbst tätigen können, genutzt. Obwohl solche Zettel nicht direkt zeigen, wer jeweils dahintersteckt, so geht vom Helfenden doch eine gewisse Eigeninitiative aus. Es ist ein Angebot an andere, Hilfe zu bekommen.

Auf der einen Seite helfen Menschen beim Beschaffen von Nahrungsmitteln für die Endverbraucher, auf der anderen Seite werden auch Landwirte bei der Ernte unterstützt. Da Bauern nur in wenigen Fällen Erntehelfer aus anderen Ländern einfliegen können, ist der Bedarf an Hilfe groß. Engagieren kann man sich beispielsweise über die Seite „Das Land hilft“. Bereits über 55.000 Inserate bundesweit geben Bauern die Möglichkeit Erntehelfer aus ihrer Region zu finden. Besonders ist, dass die Freiwilligen die Angebote verfassen und nicht die Landwirte Gesuche veröffentlichen müssen. Hier wird ganz deutlich, dass es für die Landwirte nicht das Suchen nach Hilfe im Vordergrund steht: Bürger können proaktiv Hilfe anbieten und die Bauern können diese Angebote annehmen und somit Hilfe bekommen. Oft hört man auch, dass gerade Schüler die Motivation haben, ihre Langeweile aufgrund der Ausfälle des Unterrichts zu überbrücken. Hier ist das Bedürfnis nach Stimulation vorherrschend.

Neben diesen sozialen Maßnahmen, die sich jetzt herausbilden, entstehen auch technische Innovationen. Viele Menschen, die im Homeoffice arbeiten und einen leistungsstarken Computer besitzen, können einen Teil ihrer Rechenleistung an das Projekt „Folding at home“ der Universität Stanford „schenken“. Dabei soll herausgefunden werden, durch wie sich die Proteine, die das Virus zum Befall eines menschlichen Organismus‘ nutzt, in ihrer Form verändern. Mehr zu diesem Projekt gibt es in diesem Beitrag. Hier geht es vor allem um das Bedürfnis nach Einfluss: Man möchte etwas bewirken, indem man Teile seiner Rechenleistung zur Verfügung stellt.

Viele Innovationen sind beim Hackathon „WirVsVirus“ entstanden. Bundesweit haben 28.000 Menschen insgesamt 1.500 Ideen kreiert, die uns als Gesellschaft dabei unterstützen, solidarisch zu handeln und durch die aktuelle Situation auch gestärkt zu werden. Zahlreiche Projekte sollen im nächsten Schritt gefördert und möglichst schnell umgesetzt werden, wie zum Beispiel auch der Corona Chatbot des Kompetenzzentrums Usability. Einerseits kann hier das Bedürfnis nach Kompetenz gestillt werden: Es kann Spaß bereiten, sich dieser Herausforderung zu widmen und eine Lösung zu finden. Andererseits kann ein positives Erlebnis entstehen, etwas auszutüfteln und zu etwas Höherem beizutragen.

Eine weniger digitale und doch wichtige Neuentwicklung ist das Nähen von Schutzmasken in privaten Haushalten. Innerhalb der ersten zwei Tage, nachdem die Seite „Stay Home and Sew“ online war, wurden bereits über 4.000 fehlende Schutzmasken registriert – der Bedarf ist also groß. Über diese und ähnliche Seiten helfen freiwillige Menschen mit Nähmaschine und nähen nach einer Vorlage die Masken aus Stoff als Alternative zu dem professionellen Schutz. Die Produkte gehen anschließend an Kinderheime Pflegedienste und Arztpraxen. Hier geht es deutlich darum, anderen zu helfen. Viele Näher und Näherinnen engagieren sich auch aus der Motivation heraus, Kreativität zu erleben und so ihr Bedürfnis nach Stimulation zu stillen.

Genau wie Mundschutzmasken sind und werden Beatmungsgeräte Mangelware besonders in überfüllten Krankenhäusern sein. Gemeinsam mit Decathlon hat die italienische Firma ISINNOVA für 3D-Druck einen Weg gefunden, aus Tauchermasken, die das ganze Gesicht bedecken, Beatmungsmasken herzustellen. Von technischer Seite ist hier das positive Erlebnis durch das Austüfteln sowie das Stillen des Bedürfnisses nach Kompetenz relevant. Von zwischenmenschlicher Seite steht ganz klar der Aspekt des Helfens im Vordergrund.

In diesen Tagen haben wir natürlich ein starkes Bedürfnis nach Sicherheit vor Bedrohungen und vor allem vor Ungewissheit. Viele Aktionen und Maßnahmen, die man im sozialen Miteinander aktuell beobachten kann, zeugen aber besonders von einem starken Bedürfnis nach Verbundenheit zu anderen, auch durch die Gewahrwerdung anderer Personen. Das Bedürfnis nach Stimulation und der Willen, dass sich andere an den eigenen Handlungen orientieren, sind auch oft entscheidend. Außerdem ist häufig ein Wechselspiel der Erlebniskategorien Helfen und Hilfe bekommen zu beobachten. Deutlich werden hier auch positive Erlebnisse durch gegenseitigen Austausch und durch das in Kontakt kommen mit anderen. Auf der Ebene der technischen Unterstützung scheint vor allem das Bedürfnis nach Einfluss wichtig zu sein. Etwas auszutüfteln und zu etwas Höherem beizutragen löst hier positive Erlebnisse aus. Zwar birgt die Corona-Krise zahlreiche Herausforderungen. Sie kann aber auch einige unserer Bedürfnisse stillen oder gar positive Erlebnisse fördern, indem wir in unseren Handlungen Zusammenhalt und Unterstützung zeigen.

Autorin: Amelie Bustorff

Quellen:


29.04.20

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