Usability und positive User Experience mit wenig Aufwand erreichen: UX Concept Exploration „light“ für kleine und mittelgroße Unternehmen (KMU)

Usability und User Experience Methoden können aufwändig sein. Der Artikel zeigt auf, wie die Methode UX Concept Exploration für KMUs angepasst werden kann, so dass der Aufwand überschaubar bleibt.

Für digitale Produkte sind Usability und positive User Experience wichtig, keine Frage. Aber wie können wir das mit so kleinem Aufwand wie möglich erreichen? Kostet das nicht viel mehr, als es bringt? Und: Liegt das nicht ohnehin alles auf der Hand, kann ich – als Entwickler – das mir nicht selbst denken, was die Nutzer gerne haben möchten?

Der Nutzer im Mittelpunkt

Im Mittelstand 4.0 Kompetenzzentrum Usability haben wir uns als Ziel gesetzt, mehr Wissen über Usability und UX bis in die kleinsten Unternehmen hineinzutragen und die nutzerzentrierte Denkweise auch in kleinen und mittelgroßen Unternehmen zu verankern. Gerade der Mittelstand als Innovationsträger in Baden-Württemberg kann stark von einem nicht rein technikgetriebenen Blick auf die Digitalisierung profitieren. Auf der anderen Seite sind in kleinen und mittleren Unternehmen jedoch die Resourcen und die Erfahrung in Bezug auf Usability und User Experience oft nicht vorhanden.

UX Concept Exploration – Lernen, welche Bedürfnisse der Nutzer wirklich hat

In Forschungsprojekten und in Zusammenarbeit mit Industriekunden verwenden wir häufig die Methode UX Concept Exploration. Dadurch können wir den Nutzer besser kennenlernen und ein Produkt oder eine Produktidee besser auf ihn anpassen. Sie bietet sich dabei besonders an, wenn ein tieferes Verständnis vom Nutzer, seinen Bedürfnissen und Eigenschaften gewonnen werden sollen. In ihrem Vollumfang ist diese Methode sehr aufwändig und stellt hohe Ansprüche an die Durchführung:

Ca. 8-12 Nutzer:

  • treffen sich zu einem Kick-Off-Workshop
  • machen sich dann täglich über einen Zeitraum ca. 5-10 Tage Gedanken zum Produkt und notieren diese im Tagebuch (Explorationsphase)
  • teilen anschließend in einem Laddering-Interview ihre Erkenntnisse,
  • und erarbeiten dann gemeinsam mit den anderen Nutzern in einem mehrstündigen Abschluss-Workshop konkrete Ideen
  • Aufbauend darauf werden dann durch UX Experten neue Ideen entwickelt, die die UX des Produkts positiv beeinflussen sollen.

Durchgeführt wird die Methode von erfahrenen Moderatoren, die ein relativ großes Methodenrepertoire beherrschen. Um die Motivation der Teilnehmer hoch zu halten, empfiehlt es sich zudem, auch den Explorationsprozess empathisch zu begleiten, ohne jedoch verfälschend in diese Phase einzugreifen. Beim abschließenden Roll-Up der Methode durch die UX Experten spielt das Erfahrungswissen der Experten eine große Rolle.

Geht das nicht auch mit weniger Aufwand?

Eine derartige Methode bringt tiefe Einblicke in die Denkweise und die Bedürfnisse der einzelnen Nutzer – aber wie kann sie an die tatsächlichen Gegebenheiten in kleineren Unternehmen angepasst werden, um in der Praxis auch tatsächlich unter dem vorhandenen Kosten- und Zeitdruck durchgeführt zu werden? Zunächst einmal besteht in den kleinen und mittleren Unternehmen häufig die Problematik des fehlenden Erfahrungswissens im Bereich Usability und User Experience. Mit den vorgefertigten Methodentemplates und Vorgehensweisen des Kompetenzzentrums kann hier bei der Konzeption der Exploration Abhilfe geschaffen werden – mit nur ganz wenig Aufwand können hochwertige Settings erzeugt werden. Um hier durch ein Hands-On-Vorgehen maximalen Benefit zu erzielen, empfiehlt es sich, dies gemeinsam mit einem UX-Experten aus dem Mittelstand 4.0 Kompetenzzentrum Usability zu erarbeiten, da hierdurch zum einen ein höherwertiges Setting und zum anderen ein Lerneffekt erzielt wird. Auch beim abschließenden Roll-Up können durch Tandems (KMU-Mitarbeiter und UX-Experte) neben dem Lerneffekt für das KMU ebenfalls bessere Ergebnisqualität erzielt werden.

Was kann man alles weglassen?

Die Methode UX Concept Exploration ist relativ aufwändig – lässt sich aber auch verkürzen, verschiedene Stellschrauben sind hier möglich:

  • Verringerung der Teilnehmerzahl
    bei Inkaufnahme von Verlust von Variantenreichtumg
  • Verringerung der Evaluationszeit
    bei Inkaufnahme von Verlust von Evaluationstiefe
  • Methodenabschluss nur entweder durch Interviews oder durch einen gemeinsamen Workshop
    bei Inkaufnahme von Verlust von Einzelinformationen bzw. gruppendynamischen Prozessen

UUX-Mindset: immer positiv und der Nutzer im Mittelpunkt?

Eine weitere Problematik ist die Erzeugung des passenden Mindset beim durchführenden Moderator. Gerade in kleineren Unternehmen sind es häufig die Entwickler, Erfinder und Innovateure neuer Ideen, die dann diese Idee auch evaluieren wollen, und aus Kostengründen diesen Evaluationsprozess auch gleich selbst moderieren. Was aber, wenn der Nutzer die Idee nicht so gut findet wie ich? Was, wenn er einfach nicht verstehen will, wie ich es wirklich gemeint habe? Der Moderator muss sich hier extrem zurücknehmen. Ideal ist natürlich eine personelle Trennung. Sollte dies nicht möglich sein, so ist es zwingend notwendig, dass der Moderator absolut neutral bleibt und mögliche Lösungen, Gegenargumentationen und Denkhilfen unbedingt unterlässt. Darüber hinaus sollte der Moderator auch das klassische UUX-Mindset mit sich bringen, oder durch Teilnahme an entsprechenden Schulungen vermittelt bekommen:

  • Konzentration auf das Positive und die Verstärkung des Positiven
  • Der Nutzer im Mittelpunkt – nicht die Technik

Die Adaption von etablierten UX-Methoden auf die Erfordernisse von KMUs ist eines der Forschungsthemen am Fraunhofer IAO. Im Rahmen des Mittelstand Kompetenzzentrum 4.0 können wir interessierten KMUs eine derartige Projektbegleitung kostenfrei – finanziert über das BMWi - anbieten. Weitere Informationen gibt es außerdem auf unseren kostenfreien Abendveranstaltungen, den Roadshows – die nächste findet am 6.2.2018 in Ludwigshafen statt.

Leselinks

http://www.design4xperience.de/methoden/innovationsmethoden/user-experience-concept-exploration/

Nora Fronemann and Matthias Peissner. 2014. User experience concept exploration: user needs as a source for innovation. In Proceedings of the 8th Nordic Conference on Human-Computer Interaction: Fun, Fast, Foundational (NordiCHI ‚14). ACM, New York, NY, USA, 727-736.  http://doi.acm.org/10.1145/2639189.2641203

https://www.kompetenzzentrum-usability.digital/themen/arbeit-40

Kostenlose Veranstaltungsreihe „Roadshows“: https://www.kompetenzzentrum-usability.digital/kos/WNetz?art=Appointment.show&id=84


27.01.19

Weitere Informationen


 

Doris Janssen