1
2
3
4
5
6

Interview mit Frau Dr. Katharina Zeiner

In den nächsten Wochen stellen wir Ihnen die Artikelserie „Positiv erleben – Erlebniskategorien“ vor. Die Erlebniskategorien beschreiben typische positive Erlebnisse, die in Arbeitskontexten vorkommen. Diese Erlebniskategorien können zur Gestaltung von positiven Erlebnissen in Arbeitskontexten eingesetzt werden. Wir zeigen Ihnen mit alltäglichen Beispielen, wo Sie erlebnisorientierter Gestaltung schon heute begegnen können. Dazu haben wir Dr. Katharina Zeiner zu einem Interview eingeladen:

 

Frau Zeiner, Sie waren maßgeblich daran beteiligt, die Erlebniskategorien zu entwickeln. Dabei haben Sie die Grundidee verfolgt, eine Basis für die Analyse und Gestaltung für neue oder tiefergehende positive Erlebnisse im Arbeitskontext zu schaffen. In ihrem Team haben Sie hierfür positive Erlebnisse gesammelt und nach wieder auftretenden Qualitäten sortiert. Wie sind Sie konkret dabei vorgegangen?

Das stimmt. Um das Verständnis für positive Erlebnisse in verschiedenen Kontexten zu entwickeln, haben wir eine neue Methode erarbeitet: Das Erlebnisinterview (Zeiner, Laib, Schippert & Burmester, 2016). Dabei handelt es sich um ein narratives Interview, bei welchem die Teilnehmenden von ihren positiven Erlebnissen in bestimmten Kontexten erzählen. Durch die Sammlung von möglichst vielen Informationen, z.B. wer am Erlebnis beteiligt war, wie das Erlebnis abgelaufen ist oder was das Erlebnis überhaupt positiv gemacht hat, kann herausgefunden werden, welche Faktoren und Strukturen des Erlebnisses von hoher Bedeutung sind.
Im Rahmen der Förderinitiative „Einfach intuitiv – Usability für den Mittelstand“ im Projekt Design4Xperience haben wir 349 Erlebnisinterviews zum Arbeitskontext geführt (s. Zeiner et al. 2018). Wie Sie bereits genannt haben, wurden diese anschließend nach wieder auftretenden Merkmalen sortiert und analysiert. So konnten anhand der Erfahrungsberichte 17 Erlebniskategorien ermittelt werden, welche schließlich in fünf Gruppen aufgeteilt wurden.
Die Idee haben wir weiterentwickelt. In verschiedenen darauf folgenden Projekten haben wir anhand der Methodik auch andere Kontexte untersucht, wie zum Beispiel häusliches Kochen, Schule, öffentlicher Nahverkehr oder auch spezielle Arbeitsplätze, wie z.B. Animationsgestalter.

 

Warum sind die Erlebniskategorien wichtig?

Wir glauben, dass Erlebniskategorien die Analyse und das Design auf drei Arten unterstützen können: Bestehende Erlebnisse können damit besser verstanden werden, das Potential möglicher positiver Erlebnisse wird so greifbarer und neue positive Erlebnisse können damit gezielt gestaltet werden (siehe auch Laib et al. 2017). Zudem handelt es sich dabei um einen sehr viel handhabbareren Ansatz als viele hauptsächlich theoriegetriebenen Vorgehensweisen, da Erlebniskategorien immer schon kontextualisiert sind.

Das Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Usability richtet sich an kleine und mittelständische Unternehmen sowie Startups. Dabei sind wir der Meinung, dass die Unternehmen sich besonders dadurch einen Wettbewerbsvorteil verschaffen können, indem sie ihre digitalen Produkte unter Berücksichtigung der Nutzerbedürfnisse gestalten. Hierbei ist es erforderlich, die Nutzergruppe systematisch kennenzulernen und Erkenntnisse direkt in den Gestaltungsprozess zu integrieren. Bei der Interaktion mit digitalen Produkten sollen dabei positive Erlebnisse ermöglicht werden, da so beispielsweise die Produktbindung verstärkt wird und sich der Nutzer wohlfühlt. Was würden Sie sagen, inwieweit sind im Zuge dessen die Erlebniskategorien bedeutsam und welche Vorteile bieten Sie den Unternehmen?

 

Die Einsatzmöglichkeiten der Erlebniskategorien sind vielfältig. Die Methodik wird durch ein Kartenset unterstützt und so für den jeweiligen Anwender handhabbar gemacht. Allgemein kann das Wissen der Erlebniskategorien für verschiedene Branchen angewendet werden und ist ebenso geeignet für unterschiedliche Bereiche innerhalb eines Unternehmens. Die theoretischen Hintergründe können entsprechend diverse Berufsgruppen in ihrer Arbeit unterstützen, beispielsweise im Gestaltungs- und Produktentwicklungsprozess von digitalen Produkten. Unter anderem kann anhand der Methodik der Nutzer kennengelernt werden oder eine Analyse von Ist-Situationen stattfinden. Zudem besteht auch die Möglichkeit mit Unternehmen für deren konkreten Kontext neue Erlebniskategorien zu entwickeln.

 

Damit sind wir beim Thema der Anwendbarkeit angelangt. Wenn ich jetzt beispielsweise für die Produktentwicklung verantwortlich bin, wie können die Karten dann konkret zum Einsatz kommen?

Um die Frage beantworten zu können, muss man erstmal verstehen, wie die Karten aufgebaut sind: Die Karten beschreiben jeweils eine Erlebniskategorie. Jede Kategorie zeichnet sich durch Aspekte aus, die bei jedem uns geschilderten Erlebnis vorkommen, sogenannte Must-Haves. Diese sollten bei der Gestaltung neuer positiver Erlebnisse immer berücksichtigt werden.
Des Weiteren gibt es für jede Erlebniskategorie optionale Eigenschaften, welche regelmäßig aber nicht immer geschildert werden. Zu den optionalen Eigenschaften gehören oft auch Verhaltensweisen oder Absichten einer Handlung. Hier kann in der Gestaltung ein Fokus für das gewählte Erlebnis gesetzt werden.
Zusätzlich werden Emotionen und Gefühle festgehalten, die aus den Erlebnissen resultieren können. Diese werden auf den Karten mit einem Doppelpfeil aufgelistet. Durch die resultierenden Emotionen kann das Verständnis für die Kategorien vertieft werden.
In der Produktentwicklung kann ich aber auch den sogenannten Sozialindex nutzen. Dieser beschreibt, wie wichtig soziale Interaktion für die jeweilige Erlebniskategorie ist, also wie häufig diese Art von Erlebnissen mit anderen erlebt werden oder alleine. Mit dem Sozialindex können zum Beispiel "ungewöhnliche" Erlebnisse gestaltet werden – die Erlebniskategorie „Kreativität erleben“ findet zum Beispiel oft alleine statt – ich könnte jetzt für mein Produkt überlegen, ob ich dort eine Möglichkeit sehe, dass eine Nutzergruppe das gemeinsam erleben kann.
Um zum konkreten Anwendungsfall zurückzukommen, die Erlebniskategorien helfen mir bei der Gestaltung bewusstere Gestaltungsentscheidungen zu treffen und können in ihrer Kartenform auch gut in Kreativprozesse eingebunden werden.

Vielen Dank für den vertieften Einblick, Frau Zeiner. Wir haben schon in verschiedenen Projekten gesehen, dass der Einsatz von den Erlebniskategorien bzw. Erlebniskarten etwas tolles Neues bewirken kann und durch die folgenden Artikel hoffen wir, dass auch das Interesse bei Unternehmen geweckt werden kann und Erlebniskategorien in der Konzeption von Software zur Anwendung kommen.

Gerne, das würde mich sehr freuen. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg!

 
Marina Köberlein
  • Hochschule der Medien
Elisabeth Stein
  • Hochschule der Medien
  • Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Usability
Dr. Katharina Zeiner
  • Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Usability
  • Hochschule der Medien
 
<< Zurück12Weiter >>
1
2
3
4
5
6
 
 
Copyright