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Der zweite Teil dieser Blogartikelreihe fasst die qualitativen Nennungen, Zitate und Stichpunkte der Umfrageteilnehmer*innen zusammen, um so ein umfassendes Bild agiler Arbeit während der Pandemie mit förderlichen wie hinderlichen Aspekten darzustellen.

Während der erste Blogartikel dieser Reihe die globalen Ergebnisse zur Bedeutung agiler Arbeit während der Pandemie erläutert hat, beschäftigt sich dieser Artikel mit den Hintergründen, Ursachen und vertieften Einblicken.    

Im Anschluss an die Bewertung der beiden Items zum Zusammenhang zwischen Agilität und Corona (siehe vorheriger Blogartikel) sollten die Befragungsteilnehmer*innen in Form von Stichworten auf zwei offene Fragen Antworten finden:

  • Wie genau hilft Ihnen Agilität in der Corona-Situation?
  • Welche Hindernisse sind Ihnen im Zuge agiler Arbeitsweisen während der Corona-Zeit begegnet?

Die offenen Nennungen wurden schließlich qualitativ ausgewertet und zu Kategorien zusammengefasst. Als Auswertungssystematik boten sich als Kategorien die 5 Scrum Werte und 3 Scrum Säulen an, da Scrum nicht nur das beliebteste agile Framework darstellt [1], sondern die Scrum Werte und Säulen das Wesen agiler Arbeit sehr pointiert wiedergeben. Die Werte, welche das Scrum Fundament bilden sind: Commitment, Fokus, Offenheit, Respekt und Mut. Darüber hinaus fußt Scrum auf den Säulen Transparenz, Inspektion und Adaption [2].

Im Zuge der Auswertung wurden die Nennungen den eben beschriebenen 8 Kategorien zugeordnet; getrennt für die hilfreichen sowie für die hinderlichen Aspekte.

Abbildung 1 lässt erkennen, dass Beschäftigte vor allem das hohe Adaptionspotenzial im Rahmen agiler Prozesse sowie die hohe Transparenz zu schätzen wissen. Auch Ressourcen wie Offenheit und Fokus werden als hilfreich erlebt.

Die Coronakrise bringt immer neue Herausforderungen für den betrieblichen Alltag mit sich. Dabei zahlt es sich sicherlich aus, wenn man schnell und flexibel auf die Anforderungen des Corona-Alltags reagieren kann. Hierbei wurden insbesondere die Möglichkeit zur Selbstorganisation und selbständigen Einteilung der Arbeit sowie die kurzen Entscheidungswege hervorgehoben. Zudem wurde die hohe Flexibilität dank eines ausgeprägten Planungsspielraums positiv bewertet. Beispielsweise können auch kurzfristig remote-Meetings zur kurzfristigen Anpassung des Vorgehens angesetzt werden.

Darüber hinaus scheinen Beschäftigte in der Pandemie von einer hohen Transparenz agiler Arbeitsweisen zu profitieren. Die Visualisierung der Arbeit (z. B. mit Softwaretools wie JIRA) hilft dabei insbesondere bei verteiltem und mobilem Arbeiten, die Übersicht über die anstehen To-Dos im Team zu behalten. Weiterhin sind die Rollen und Verantwortlichkeiten im Rahmen agiler Arbeit klar definiert, was bei weniger direkten Abstimmungsmöglichkeiten im Home-Office eine klare Orientierung ermöglicht.  Selbst im Home-Office trägt eine aktive Meeting-Kultur zu einem regen Austausch bei. Vor allem kreative Ansätze, wie ein digital-social-coffee-corner-meeting, fördern eine lebendige Kommunikationskultur auch jenseits der arbeitsbezogenen Abstimmung, was sicherlich die soziale Distanz etwas kleiner erscheinen lässt.

Neben diesen zwei besonders präsenten Kategorien wird erwähnt, dass agile Arbeitsweisen eine einfache Aufgaben-Priorisierung und effektives Zeit-Management ermöglichen. Agilität reduziert Ablenkungen während des Prozesses. Somit erhöhen agile Arbeitsweisen den Fokus und damit auch die Stabilität und Sicherheit in einer unruhigen Zeit. Zudem erleben die Befragten eine höhere Offenheit von Personen, die in agilen Frameworks wie Scrum tätig sind. Dies erhöht nicht nur die Bereitschaft in dieser aktuellen Krisensituation laufend neue Lösungsansätze zu probieren, sondern bringt auch von vornherein eine höhere Akzeptanz für die notwendige Home-Office Situation mit sich.

Agilität scheint auch während der Pandemie einige Vorteile für die tägliche Arbeit mit sich zu bringen. Jedoch existieren auch Hindernisse und Herausforderungen, die bei agiler Arbeit während Corona zum Tragen kommen.

Paradoxerweise entfallen hierbei sehr viele Nennung auf die Kategorie Transparenz, die im gleichen Atemzug positiv bewertet wird. Daher muss diese Kategorie differenziert betrachtet werden. Zwar sehen agile Frameworks einen regen Austausch vor, was als wichtige Ressource während der Coronakrise wahrgenommen wird, jedoch fehlt bei der Kommunikation die persönliche und emotionale Kompetente. Gerade die höhere soziale und emotionale Distanz kann die intensive direkte Interaktion zwischen Teammitgliedern beeinträchtigen. Dementsprechend gestalten sich Retrospektiven schwierigerer, deren Ziel es insbesondere ist, die Zusammenarbeit im Team gemeinsam zu optimieren, da emotionale Stimmungen in Webkonferenzen weniger gut wahrgenommen werden können. Somit fällt es schwerer, komplizierte, emotionale und konfliktgeladene Themen zu adressieren.

Für Ablenkungen sorgen im Zuge der remote Arbeit vor allem technische Probleme und fehlende Ausstattung im Home-Office. Allerdings machen sich hierbei auch psychische Faktoren bemerkbar. So lässt die Konzentration, den Befragten zufolge, im digitalen Setting schneller nach und auch Diskussionen drohen eher auszuufern.

Die Kategorie Respekt ist in diesem Fall etwas umfassender zu verstehen. Hierbei wurden Aspekte der Wertschätzung und der persönlichen, menschlichen und emotionalen Nähe im Team subsumiert. Insgesamt beschreiben die Teilnehmer*innen an dieser Befragung, weniger sozialen Kontakt zum Team zu haben und die Menschennähe zu vermissen. Hierdurch leiden auch das Teamgefühl und die Teamdynamik. Zudem ist die Interaktion mit der Führungskraft geringer. Allerdings wäre eine vertrauensvolle und intensive Beziehung zu der Führungskraft enorm hilfreich, um die Belastungsfaktoren der Coronakrise zu kompensieren.

Das Commitment, d.h. die Selbstverpflichtung auf ein bestimmtes Ziel, scheint im Home-Office an Energie zu verlieren. So wird im Remote Setting eine geringe Bindung an das Team sowie eine größere Unverbindlichkeit erlebt. Auch ist ein stärkeres „Silodenken“ festzustellen, sprich jeder fokussiert sich auf seine Aufgaben, ohne die anderen Teammitglieder zu unterstützen.

Das Gesamtfazit aus der Umfrage „Agilität in der Coronazeit“

Insgesamt betrachtet sind agile Arbeitsweisen in einer Krise wie der aktuellen förderlich. So stellen die hohe Adaptionsfähigkeit, die Transparenz sowie ein stärkerer Fokus im Zuge agiler Frameworks wichtige Ressourcen dar, um die Herausforderungen während der Pandemie zu bewältigen.

Auf der anderen Seite resultieren durch die emotionale und soziale Distanz Hindernisse, durch die Agilität während dieser Zeit nicht ihr volles Potenzial entfalten kann. Dies führt auch zu einer geringeren Teamdynamik und einem weniger stark ausgeprägten Wir-Gefühl. Weiterhin können auch technische Problem den Arbeitsfluss lähmen.

Im nächsten Blogartikel dieser Reihe werden wir uns mit konkreten Handlungsempfehlungen befassen, welche während der Corona-Pandemie von kleinen und mittleren Unternehmen eingesetzt werden können, um die agile Zusammenarbeit weiter zu optimieren. Dabei wird es vor allem um die psychischen Aspekte gehen. Diese sind zwar weniger leicht umzusetzen wie technische Verbesserungen, können aber ein enormes Potenzial entfalten.

Quellen:

[1] Digital.ai (2020). 14th Annual State of Agile Report. Abgerufen von: https://stateofagile.com/.

[2] Schwaber, K. & Sutherland, J. (2020). The Definitive Guide to Scrum: The Rules of the Game. Abgerufen von: 2020-Scrum-Guide-US.pdf (scrumguides.org)


01.03.21

Kontakt

Matthias Giehl
  • Ehemaliger Mitarbeiter
Prof. Dr. Jochen Prümper
  • HTW Berlin
  • Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Usability
  • Ehemaliger Mitarbeiter

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